Wie schmeckt was wo?
Davor
Wie so oft komme ich hungrig nach Hause. Und wie so oft muss es dann schnell gehen. Wenn es schnell gehen muss, wird‘s im Sommer fast immer Mozzarella Tomate.
Weißer Mozzarella, bunte Tomaten, grüner Basilikum.
Heute möchte ich gern den Moment davor genießen.
Normalerweise nehme ich mir am Morgen meinen Moment mit den beiden Teegetränken - warmer Oolong-Tee und ein Glas kalter Kombucha. Heute war dafür keine Zeit. Darum hole ich es zum Mittag nach und esse kalten Mozzarella Tomate mit kaltem Kombucha. Herrichten, auf die Terrasse tragen, hinpflanzen, durchatmen.
Kalt
Ich schnappe mir mein Glas und umschließe es mit beiden Händen. Das ist kalt, auf beiden Händen. In einer Hand gehalten und erlebe ich eine wärmere Hand und eine kalte Hand.
Ich setze meinen Kombucha selbst an und der ist einmal süßer und einmal saurer. Außerdem mache ich eine zweite Fermentation, einmal mit süßen Pfirsichen, einmal mit süßen Marillen, aber manchmal auch nur mit Minze oder nur mit Ingwer. Je nachdem, was gerade da ist und worauf ich Lust habe. Manches riecht gut, schmeckt aber nicht so und manches riecht nicht so schmeckt dafür gut. Manches ist unerwartet schmackhaft und manches ist unerwartet gewöhnungsbedürftig. Aber es ist immer spannend und es ist immer anders.
Beim letzten Mal hatte ich einen wunderbar süßen, duftenden Marillen- und einen noch wunderbareren Pfirsich-Kombucha. Diesmal habe ich einen wirklich sauren Pfirsich Kumbucha und ganz überraschend sehr wohl schmeckenden Minze-Kombucha. Die Minze duftet nicht so stark wie der Pfirsich, aber bei jedem Schluck entfaltet sich das Aroma ganz intensiv. Ich sitze da und halte mein Glas in einer kalten Hand und nehme einen Schluck vom Minze-Kombuche, bei dem die säuerlichen Noten überwiegen und bewege die Flüssigkeit in meinem Mund ganz sanft - nicht wie beim Zähneputzen, sondern eher ein sanftes „Die Mundschleimhaut benetzen“. Ich behalte sie im Mund, warte, bis sie ein bisschen wärmer wird. Spiele ein bisschen herum, bade meine Zunge in Kombucha und bemerke, dass meine Geschmacksrezeptoren nicht gleich voll anspringen.
Noch ein Schluck
Ich überlege: Ist es süß, ist es sauer, brennt es im Hals? Was ist eigentlich da? Ich kann die Kühle spüren, wie schnell das Getränk warm wird, wenn ich es ein paar Sekunden im Mund behalte. Ich schlucke. Überraschung! Ich schmecke sauer hauptsächlich ganz hinten, fast am Gaumenzäpfchen, gerade noch auf der Zunge. Etwas Spannendes üassiert: Ganz hinten am hinteren Zungenende (vielleicht ist es auch der Anfang, je nachdem, wie man es sieht) spüre ich die Säure, je länger ich den Kumbucha im Mund behalte, desto weniger säuerlich schmeckt es und die Minzen Note kommt ausschließlich ganz hinten am hintersten Zungengrund. Sie ist zu spüren, zu schmecken, eigentlich zu riechen. Wahrscheinlich befindet sich hier hinten die Verbindungen der Nase mit der Mundhöhle und der Duft kann in die Nase und mir vorgaukeln, dass mein Selbstgemachtes sehr gut schmeckt. In Wahrheit duftet es mehr als es schmeckt. Ich genieße den wirklich ausgeprägten Minzegeruch auf meiner Zunge und genieße auch das verminderte Säureempfinden, das durch die Akklimatisierung meiner Rezeptoren an den säuerlichen Reiz entsteht. wird durch das akklimatisieren der Mundhöhle an den Reiz.
Zungenkarte - der Mythos
Recherche ist die logische Folge. Warum schmecke ich hinten sauer, obwohl ich in der Schule gelernt habe, hinten sei bitter und sauer ist seitlich lokalisiert. Ich überprüfe es mit einem weiteren Schluck. Seitlich kann ich kein sauer wahrnehmen. Es bleibt immer hinten. Es verändert sich auch nicht von einem Tag zum nächsten. Es bleibt.
Ach ja, was hat meine Recherche ergeben? Die Zungenareale vielfach in der Schule gelernt, sind ein Mythos basierend auf einem Übersetzungs- und Interpretationsfehler. 1901 stellte der deutsche Forscher David P. Hänig kleine Unterschiede in der Geschmacksempfindlichkeit verschiedener Zungenbereiche fest. In den 1940er-Jahren entstand daraus durch eine missverständliche Grafik die bekannte „Zungenkarte“ mit klar getrennten Geschmackszonen. Ein Irrtum, der sich jahrzehntelang in Schulbüchern hielt. Kurios!
Ich erweitere mein Experiment um die Nachspeisen-Trauben. Sie sind süß, sie sind wirklich süß, ich kann das ganz gut schmecken, allerdings auch nicht unbedingt an Zungenspitze.
