Ein Frühlinssonntag

Der erste warme Frühlingstag – im Liegestuhl auf unserem Nordbalkon. Ich schließe die Augen und genieße die Ruhe und den Frieden. Sofort melden sich meine Gedanken – die berühmten Gedankenwirbelwinde…

Frieden, ja, Frieden ist da - ersichtlich in Form meiner Katze, die eingekringelt in der Sonne am Terrassenboden lümmelt. Ihre Augen sind zu Schlitzen zusammengekniffen, die Pupillen zu noch feineren Linien verengt.

Frieden – endlich haben wir wieder ein Gitter so angebracht, dass die Katze am Balkon in Sicherheit ist. Das ist gut für uns – für mich und für sie. Ich kann ohne komplizierter Schutzkonstruktion Tee, Kaffee, Kuchen oder Bücher, raustragen und reinbringen. Sie kann entspannt liegen, weil ja eh kein Auf-die-Dachterrasse-kommen möglich ist.

Frieden und Sicherheit – grenzgenial. Die Begrenzung bringt uns Sicherheit. Will ich weiter über Grenzen und das verführerische Gefühl von vermeintlicher Sicherheit nachdenken? NEIN – ich nehme eine andere Abzweigung.

Ruhe… Ich schließe die Augen und genieße die Ruhe! Ein ruhiger Sonntag, die Ruhe der Großstadt. Wie ruhig ist es wirklich? Tatütata, Vogelgezwitscher oder Vögelgezwitscher? Blätterrauschen oder doch Meeresrauschen? Besteckklappern aus der Salatschüssel der Nachbarn. Irgendwo Stimmen aus dem Fernseher, ich schließe die Balkontüre, der Fernseher schweigt. Ein Klatschen in der Ferne, ein Ball springt auf hartem Untergrund, Männergeschrei, ein Lachen. Auch wenn ich mich konzentriere, kann ich keine einzelnen Worte heraushören – sehr angenehm! Was ist das jetzt? Eine Grille? Sie schnorrt rhythmisch. Und immer wieder rauscht wie eine tosende Welle der Wind durch die grün belaubten Bäume. Der Kirchturm schlägt dreimal in der Ferne. Es ist dreiviertel, aber dreiviertel und wie viel? Der Akku vom Handy ist leer. Ich muss wohl noch 15 Minuten warten, bis ich weiß, wie spät es wirklich ist. Und jetzt?

Ruhe, alles ist ruhig. Es bleibt nur ein dunkles Grummeln fast ein Grollen, wahrscheinlich ein Mischgeräuschkonglomerat aus den vielen verschiedenen Verkehrsmitteln der Stadt. Eine Fliege summt um meinen Kopf, eine Taube gurrt ihr Lied. Irgendwann verschwimmt der Geräuschmantel zu einer verschwommenen Collage. Meine Aufmerksamkeit wandert weiter.

Ich fühle den Wind. Er kühlt die nackte Haut auf meinem linken Fuß, der rechte schmiegt sich in die warme linke Kniekehle, damit ich meinen Block am aufgestellten rechten Oberschenkel abstützen kann. Der Wind lässt einzelne Strähnen rund um meine Stirn tanzen und sie kitzeln mich, wie es manchmal Spinnweben an einem Altweibernachmittag tun. Die feinen Härchen am Haaransatz gleichen den silbrig-glänzenden Spinnenfäden des sonnig warmen Herbsts. Mein Haupthaar verblasst zwar bereits ein wenig, aber im Herbst angekommen, fühle ich mich noch nicht. Die Bauchdecke wird von jedem Atemzug leicht gehoben und sinkt gemeinsam mit dem Rücken in die Liegestuhllehne. Mit jedem Luftholen wird ein Stück klarer: Ich sollte aufs Klo gehen! Ich will nicht! Ist grad so ruhig und friedlich und gemütlich! Es geht schon noch! Das Gefühl vergeht sicher gleich! Bestimmt! Abrupt setze ich mich auf! So, los, auf geht's! Toilette! Okay, na gut! Meine Bedürfnisse, ach ja – ernst nehmen… Schon wieder vergessen!

Am Rückweg mache ich noch einen kurzen Abstecher in die Küche, mein Blick schweift und meine Hand führt einen Löffel Taboulé gedacht fürs Abendessen zum Mund. Herrlich! Ich lehne mich wieder im Liegestuhl zurück, mein Körper wandert in die leichte gekrümmte Horizontale. Die Geräuschkulisse verschwimmt, verschwindet verschwommen. Ich schmecke noch ganz deutlich Minze, Cumin, Zimt, Gurke. Ich versuche mit meiner Zunge noch ein paar wohlschmeckende Krümel zu finden, knabbere vergnügt an einem kleinen Stück Frühlingszwiebel. Hunger? Hab‘ ich Hunger? Nein, die zwei Stück lauwarmer Rhabarberkuchen von vorhin gurgeln sich noch durch mich hindurch. Der Kirchturm schlägt wieder. Einmal! Oje, ich habe die volle Stunde verpasst! Jetzt ist es schon viertel nach, ja nach wie viel? Egal! Ich bemerke, dass meine linke Hand krampfhaft den Stöpsel meines Stifts umklammert. Wozu? Weg damit! Ich lasse ihn auf den Tisch neben mir fallen. Ein Rabenvogel krächzt und die Taube stimmt wieder gurrend ein. Ich versuche meine Aufmerksamkeit weiter wandern zu lassen.

Was rieche ich? Nichts, der Wind scheint alle Gerüche zu verdünnen. Oder? Je mehr ich mich hineindenke, desto deutlicher wird: Die Pollen, der Staub! Ich muss niesen. Hatschi und noch einmal Hatschi! Die Nase beginnt zu laufen. Wo ist dein Taschentuch? Offenbar startet meine Nasenschleimhaut einen Frühjahrsputz! Nun gut – ein angeschneuztes Taschentuch später sitze ich wieder hier. Ich schaue mich um und entdecke meine Katze, eingekuschelt in meine riesige schneeweiße Stepptasche. Sie liegt entspannt und regungslos, umhüllt von Weiß, als ob eine Eisbärenmama sie liebevoll umarmen und beschützen würde. Luxi kennt zwar keine Eisbären, aber es würde sicherlich genauso friedlich aussehen, wenn Luxi und die Eisbärenmama ihr Nachmittagsschläfchen halten würden. Ich schleiche mich an und halte den Moment fest. Sie rührt nicht einmal ein Schnurrhaar.

Eine Stunde im Hier und Jetzt, in voller Präsenz mit meinen fünf Sinnen. Ich überlasse meinen Körper der Schwerkraft, verschmelze mit der Liege und drifte in den Raum zwischen Dasein und Schlaf - einer meiner Lieblingsorte!

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